Reizdarm oder doch eine andere Ursache? – Die Rolle der Dünndarmfehlbesiedlung
Viele Menschen mit chronischen Darmbeschwerden fragen sich: „Habe ich wirkliche einen Reizdarm oder könnte eine SIBO dahinter stecken?“
Die Unterscheidung ist essentiell für die richtige Behandlung.
Betroffene haben oft eine Vielzahl an Untersuchungen wie Magen-Darm-Spiegelungen durchlaufen – jedoch ohne medizinisch erklärbare Ursache. Die Diagnose lautet dann „Reizdarm“.
Zu wenig wird bisher ganzheitlich auf die Zusammensetzung des Darmmikrobioms und deren Stoffwechselaktivitäten geschaut:
Neueste Studien zeigen: 60-80% aller Reizdarmpatient:innen sind von einer Dünndarmfehlbesiedlung (SIBO, IMO, ISO) betroffen.
Die Dünndarmfehlbesiedlung, auch bekannt als Small Intestinal Bacterial Overgrowth (SIBO), ist eine Erkrankung, bei der sich zu viele oder die falschen Mikroben im Dünndarm ansiedeln.
Dies kann zu einer Vielzahl unangenehmer reizdarmähnlicher Beschwerden führen und sollte nicht unbeachtet bleiben.
Symtome
Die Symptome einer Dünndarmfehlbesiedlung können, je nach Form der SIBO, sehr unterschiedlich sein und sich teilweise mit anderen Verdauungsstörungen überschneiden. Häufige Beschwerden sind:
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Blähbauch, Blähungen und Völlegefühl
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Durchfall oder Verstopfung (eher bei IMO)
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Wechselnde Stühle
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Bauchschmerzen und Krämpfe
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Unverträglichkeiten gegenüber bestimmten Lebensmitteln
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Nährstoffmangel (z. B. Vitamin B12-Mangel, Eisen)
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Müdigkeit und Konzentrationsprobleme
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Konzentrationsstörungen, Brain fog
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Kribbeln in Händen, Füßen und Blase
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Gallensäureverlustsyndrom
Ursachen von Fehlbesiedlungen
Normalerweise ist der Dünndarm relativ arm an Bakterien, da verschiedene Mechanismen verhindern, dass beispielsweise Bakterien aus dem Dickdarm in den Dünndarm gelangen oder sich dort vermehren. Doch bestimmte Faktoren können dieses Gleichgewicht stören:
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Gestörte Darmmotilität: Erkrankungen wie das Reizdarmsyndrom oder eine verminderte Magen-Darm-Beweglichkeit (z. B. durch Diabetes oder neurologische Erkrankungen) können dazu führen, dass Bakterien nicht effektiv aus dem Dünndarm abtransportiert werden.
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Strukturelle Probleme: Verwachsungen, Engstellen oder operative Eingriffe am Darm können das normale bakterielle Gleichgewicht verändern.
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Medikamenteneinfluss: Die langfristige Einnahme von Protonenpumpenhemmern (PPI) oder Antibiotika kann die Darmflora aus dem Gleichgewicht bringen.
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Infektionen: Verschieden Infektionen wie auch Lebensmittelvergiftungen und Borreliose können die Entstehung einer SIBO begünstigen.
Formen der SIBO
Es gibt unterschiedliche Unterformen der Fehlbesiedlungen, die sich in der Art der Symptome und auch in der Behandlung unterscheiden. Die jeweils produzierten Gase sind ursächlich für die Beschwerden.
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Wasserstoff-SIBO (Überbesiedlung mit wasserstoffproduzierenden Bakterien im Dünndarm)
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IMO (Überbesiedlung mit methanproduzierenden Archaeen im Dünn- und/oder Dickdarm)
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ISO (Übersiedlung mit schwefelwasserstoffproduzierenden Bakterien im Dünn- und/oder Dickdarm)
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begleitend oder isoliert kann auch beispielsweise eine Überwucherung mit Pilzen wie Candida albicans (SIFO)
Diagnostik
Die Diagnosestellung einer Fehlbesiedlung erfolgt standardmäßig durch einen Atemtest mit Laktulose und Glukose, seit Neuerem auch teilweise mit Fruktose, bei dem die Wasserstoff- und Methangase in der Atemluft gemessen werden. Die Schwefelwasserstoff-SIBO (ISO) kann derzeit in Deutschland noch nicht über einen Atemtest diagnostiziert werden, jedoch besteht seit 2026 die Möglichkeit den Trio-Smart-Test über England zu beziehen. Zur Diagnose kann eine Schwefel-Auslass-Diät, eine genaue Anamnese sowie indirekt ein Atemtest mit dem Substrat Laktulose über einen Testzeitraum von 180 Minuten Abhilfe schaffen. Der sogenannte Flatlinetest, da es keinen Anstieg der Gaswerte über einen festgelegten Grenzwert gibt, kann ein Hinweis auf ISO sein. Indirekt können auch kleinere Rückschlüsse aus einer guten Mikrobiomanalyse gezogen werden.
Damit die Atemgastests aussagekräftig sind, empfiehlt es sich, die Vorbereitungsmaßnahmen der Testanbieter möglichst genau umzusetzen.
Behandlungsmöglichkeiten
Die Behandlung der Dünndarmfehlbesiedlung erfolgt oft mehrstufig. Die Dauer richtet sich unter anderem nach der Höhe der Gaswerte des Atemtests:
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Antibiotika oder pflanzliche Alternativen: Rifaximin ist ein häufig verwendetes Antibiotikum zur Reduktion der bakteriellen Überbesiedlung. Pflanzliche Alternativen wie Oregano- oder Granatapfel-Extrakt können ebenfalls wirksam sein. Die Auswahl des pflanzlichen Antibiotikums hängt von der SIBO-Form ab.
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Biofilm-Löser und Bindemittel: Je nach Darmstuhlbefund und Form der SIBO werden verschiedene Biofilm-Löser und Bindemittel (um sogenannte Die-Off-Symptome zu mindern) eingesetzt.
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Ernährungsumstellung: Eine spezielle Diät wie die Low-FODMAP-Diät oder eine SIBO-spezifische Ernährungsweise kann helfen, Beschwerden zu lindern, die Ursache behandelt es allerdings nicht.
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Ursache behandeln: Soweit möglich, ist die Ursache zu beseitigen, da ansonsten Rückfälle auftreten können. Ein Beispiel findest du im nächsten Topic.
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Darmmotilität verbessern: Prokinetika können nicht nur bei Verstopfung helfen, die natürliche Bewegung des Darms zu unterstützen und ein Wiederauftreten zu verhindern.
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Nährstoffe auffüllen: Sofern Nährstoffmängel entdeckt wurden, sollten diese unter Begleitung wieder aufgefüllt werden.
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Darmflora aufbauen: Nach der Behandlung kann eine gezielte Einnahme von Probiotika helfen, das Darmmikrobiom zu stabilisieren.
Wichtige Hinweise & Disclaimer
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt in keiner Weise eine Aufforderung zur (Selbst)-behandlung dar. Er ersetzt keinesfalls einen Besuch beim fachkundigen Arzt/Heilpraktiker/Therapeuten. Sofern du unter Beschwerden leidest, wende dich bitte an diese. Eine Haftung wird ausgeschlossen. Ebenfalls wird kein Heilversprechen abgegeben.


